Das transaktionale Stressmodell geht auf den Psychologen Richard S. Lazarus zurück; ausgearbeitet hat er es mit Susan Folkman im Buch „Stress, Appraisal, and Coping“ von 1984. Stress ist danach weder ein bloßer Reiz von außen noch eine bloße Körperreaktion, sondern eine Beziehung zwischen Person und Umwelt: Eine Person nimmt Anforderungen wahr, die ihre verfügbaren Mittel zu übersteigen drohen. Weil die Bewertung im Mittelpunkt steht, heißt das Modell auch kognitives Stressmodell. In der Wirtschaftspsychologie ist es ein Erklärungsrahmen der Arbeits- und Organisationspsychologie; es beschreibt, wie Stresserleben entsteht, und enthält keine Aussagen zu Diagnose oder Behandlung.
Transaktionales Stressmodell: Bewertung und Bewältigung
- Primäre Bewertung: Was steht auf dem Spiel? Eine Situation kann als irrelevant, als günstig oder als stressbezogen eingeschätzt werden. Stressbezogene Bewertungen unterscheiden Schaden oder Verlust, der schon eingetreten ist, Bedrohung, also einen erwarteten Schaden, und Herausforderung, also die Möglichkeit, an der Anforderung zu gewinnen.
- Sekundäre Bewertung: Welche Möglichkeiten der Bewältigung gibt es, und reichen sie aus?
- Bewältigung (Coping): problemorientiert, wenn die Person das Problem angeht, das die Belastung auslöst, emotionsorientiert, wenn sie die belastenden Gefühle selbst reguliert.
- Neubewertung: Nach dem Modell wiederholen sich Bewertung und Handeln, bis ein zufriedenstellender Ausgang erreicht ist. Das Modell beschreibt deshalb einen Prozess, keinen Zustand.
In einer Studie mit Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung fanden Folkman u. a. (1986), dass die Bewältigung eng mit der Bewertung zusammenhing: Welche der acht untersuchten problem- und emotionsorientierten Formen gewählt wurden, hing davon ab, was auf dem Spiel stand und welche Möglichkeiten es gab.
Ablauf in vier Stufen mit Rückschleife: Eine Anforderung wird in der primären Bewertung als Schaden oder Verlust, Bedrohung oder Herausforderung eingeschätzt. In der sekundären Bewertung prüft die Person, ob ihre Mittel zur Bewältigung reichen. Darauf folgt die Bewältigung, problemorientiert oder emotionsorientiert. Eine Neubewertung führt zurück zum Anfang.
Abgrenzung: reiz-, reaktions- und transaktionsorientierte Stresskonzepte
| Konzept | Stress ist … | Beispiel |
|---|---|---|
| reizorientiert | ein belastendes Ereignis von außen | Holmes und Rahe (1967): Social Readjustment Rating Scale für Lebensereignisse |
| reaktionsorientiert | die körperliche Antwort des Organismus | Selye (1936): gleichförmige Reaktion auf verschiedene schädigende Einwirkungen |
| transaktional | eine bewertete Beziehung zwischen Person und Umwelt | Lazarus und Folkman (1984) |
Für Ergonomie und Arbeitsgestaltung legt die DIN EN ISO 10075-1 (Ausgabe 2018-01) Begriffe zur psychischen Arbeitsbelastung fest, darunter psychische Belastung und psychische Beanspruchung; mehr dazu im Eintrag Psychische Belastung und Beanspruchung.
Im Studium der Wirtschaftspsychologie
Fächer zu Gesundheit, etwa Arbeits- und Gesundheitspsychologie oder betriebliches Gesundheitsmanagement, nennen 40 von 95 erfassten Anbietern laut Recherche, Stand Oktober 2026, in Studiengangsnamen, Schwerpunkten oder Modullisten. Ein Beispiel aus dem Studienalltag liefern Folkman und Lazarus (1985): Sie befragten Studierende zu drei Zeitpunkten einer Zwischenprüfung, vor der Prüfung, beim Warten auf die Noten und nach deren Bekanntgabe. Gefühle und Bewältigung änderten sich über die Phasen; vor der Prüfung standen problemorientierte Bewältigung und das Betonen des Positiven im Vordergrund, in der Wartezeit die Distanzierung. Bedrohungs- und Herausforderungsgefühle traten nebeneinander auf. Klausurfragen zielen etwa auf diese Punkte:
- primäre und sekundäre Bewertung an einem Fall unterscheiden
- problem- und emotionsorientierte Bewältigung zuordnen
- das Modell von reiz- und reaktionsorientierten Konzepten und vom Job-Demands-Resources-Modell abgrenzen
In der Praxis: Arbeitsschutz und Arbeitsgestaltung
Im Betrieb ist Stress Gegenstand des Arbeitsschutzes. Der Arbeitgeber hat die Gefährdungen der Beschäftigten zu beurteilen; § 5 ArbSchG nennt in Absatz 3 Nr. 6 psychische Belastungen bei der Arbeit als eine mögliche Quelle. Die Beurteilung ist je nach Art der Tätigkeiten vorzunehmen (§ 5 Abs. 2 ArbSchG); sie setzt bei den Arbeitsbedingungen an, nicht bei der Bewertung einzelner Beschäftigter. Das transaktionale Modell erklärt, warum dieselbe Anforderung unterschiedlich erlebt wird; es ersetzt weder die Beurteilung der Arbeitsbedingungen noch eine medizinische Abklärung. Im betrieblichen Gesundheitsmanagement kann es als theoretischer Bezugsrahmen dienen; Aussagen über die Wirkung einzelner Angebote lassen sich aus dem Modell allein nicht ableiten. Rechtsstand: Oktober 2026.
Kritik und Forschungsstand
Eine Übersichtsarbeit von Mariscal-Garcia u. a. (2026) zu 30 Studien über vermittelnde und moderierende Größen von Stress bei Studierenden stellt fest, dass die Forschung vor allem Bewältigungsressourcen und damit die sekundäre Bewertung untersucht, die primäre Bewertung und den aktuellen Zustand der Person dagegen seltener. Nach den Autoren überwiegen Selbstauskünfte, einfache Analysemodelle und Querschnittsdesigns; sie verweisen zudem auf Arbeiten, nach denen Annahmen der Stresstheorien oft ohne Prüfung übernommen werden. Ergebnisse aus einer Stichprobe lassen sich nach der Übersicht nur mit Vorsicht auf andere Gruppen übertragen.