Präsentismus

Auch: Presenteeism, Sickness Presenteeism, Krankheitspräsenz

Präsentismus bezeichnet das Arbeiten trotz Krankheit. In einer zweiten Lesart meint der Begriff die verringerte Produktivität von Beschäftigten, die mit gesundheitlichen Beschwerden am Arbeitsplatz sind.

Präsentismus heißt, zur Arbeit zu gehen, obwohl man sich krank fühlt. Johns (2010) beschreibt Präsentismus in einer Übersicht als Anwesenheit bei der Arbeit trotz Krankheit und stellt fest, dass sich die Arbeitsmedizin intensiv damit befasst, während das Konzept in der Organisationsforschung vergleichsweise wenig bekannt war. Das Gegenstück ist die Abwesenheit wegen Krankheit, in der Forschung unter Absentismus gefasst. Präsentismus ist kein Krankheitsbild, sondern ein Verhalten im Umgang mit Krankheit und Arbeit; dieser Eintrag enthält keine Gesundheitsratschläge.

Präsentismus: zwei Lesarten

In der Forschung stehen zwei Verständnisse nebeneinander. Das eine erfasst das Verhalten: Wie oft sind Beschäftigte zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich nach eigener Einschätzung ihres Gesundheitszustands hätten krankmelden sollen? So fragten Aronsson, Gustafsson und Dallner (2000) in Schweden. Das andere erfasst die verringerte Produktivität bei der Arbeit. So fasst etwa die Übersicht von Ospina u. a. (2015) den Begriff. Ein ausgedachtes Beispiel: Eine Sachbearbeiterin arbeitet mit starker Erkältung. Nach der ersten Lesart zählt der Tag als Präsentismus, nach der zweiten wird gefragt, wie viel weniger sie an diesem Tag schafft. Studien sind deshalb nur vergleichbar, wenn sie dieselbe Lesart verwenden.

Aronsson u. a. befragten 1997 telefonisch 3.801 Erwerbstätige. Ein Drittel gab an, im Vorjahr mindestens zweimal zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl eine Krankmeldung nach eigenem Empfinden angebracht gewesen wäre. Am häufigsten war das in Pflege, Sozialwesen und Bildung, Bereichen mit Personalabbau in den 1990er-Jahren. Wer nach einer Krankheitsabwesenheit liegengebliebene Arbeit nachholen musste, hatte eine höhere Chance, krank zu arbeiten (Odds Ratio 2,29). Berufsgruppen mit viel Präsentismus hatten zugleich viele Fehlzeiten (Rangkorrelation 0,38). Es handelt sich um eine Querschnittsstudie.

Im Studium der Wirtschaftspsychologie

Fächer zu Gesundheit, etwa Arbeits- und Gesundheitspsychologie oder betriebliches Gesundheitsmanagement, nennen 40 von 95 erfassten Anbietern laut Recherche, Stand Oktober 2026, in Studiengangsnamen, Schwerpunkten oder Modullisten; Präsentismus selbst erscheint dort nicht als Modulname. Der Begriff berührt Arbeits- und Gesundheitspsychologie, Personalpsychologie und betriebliches Gesundheitsmanagement. Klausur- und Methodenfragen zielen etwa auf diese Punkte:

  • Präsentismus als Verhalten und als Produktivitätsverlust unterscheiden
  • beurteilen, was eine rückblickende Selbstauskunft über ein ganzes Jahr messen kann und was nicht
  • erklären, warum Querschnittsdaten keine Ursachen belegen (Korrelation)
  • das Doppelpfad-Modell von Miraglia und Johns mit dem Job-Demands-Resources-Modell verbinden

In der Praxis: Begleitumstände und Messung

Eine Metaanalyse von Miraglia und Johns (2016) mit 109 Stichproben und rund 176.000 Personen fasst zusammen, womit Arbeiten trotz Krankheit zusammenhängt: mit schlechterem allgemeinem Gesundheitszustand, mit Hürden für die Abwesenheit wie strengen Abwesenheitsregeln und Arbeitsplatzunsicherheit, mit hohen Anforderungen und erlebtem Stress, mit fehlenden Ressourcen wie geringer Unterstützung, mit negativen Erfahrungen wie wahrgenommener Diskriminierung, aber ebenso mit positiven Einstellungen wie Zufriedenheit, Engagement und Bindung. Die Autorin und der Autor beschreiben zwei Wege, einen über Gesundheitsbeeinträchtigung und einen motivationalen. Anforderungen und Ressourcen erklärten in ihrem Modell mehr Unterschiede beim Präsentismus als bei der Abwesenheit. Es sind Zusammenhänge, keine belegten Ursachen.

Für Betriebe folgt daraus zweierlei. Präsentismus erscheint nicht in Fehlzeitenstatistiken; Krankenstände bilden deshalb nur einen Teil des Geschehens ab. Und die Messung beruht auf Fragebögen: Ospina u. a. (2015) prüften 23 Instrumente; Belege für die Kriteriumsvalidität fehlten fast vollständig (zu den Begriffen siehe Validität). Johns (2010) geht in seiner Übersicht auf beides ein: was mit dem Arbeiten trotz Krankheit zusammenhängt und welche Beschwerden mit einem Produktivitätsverlust bei der Arbeit verbunden sind. Kostenangaben zu Präsentismus hängen von Lesart und Instrument ab und werden hier deshalb nicht genannt.

Krank zur ArbeitKrank zur ArbeitKorrelate aus 109 StichprobenGesundheitallgemeinschlechterHürdenstrenge Regeln,unsichere StelleAnforderungenhoch, viel StressRessourcenwenigUnterstützungErfahrungennegativ, etwaDiskriminierungEinstellungenZufriedenheit,EngagementZusammenhänge, keine UrsachenMiraglia und Johns 2016,rund 176.000 Personen
Abb.: Merkmale, die in einer Metaanalyse mit Arbeiten trotz Krankheit zusammenhingen, darunter positive Einstellungen. Quelle: Miraglia und Johns 2016, Stand Oktober 2026.

Sechs Karten zeigen, womit Arbeiten trotz Krankheit in einer Metaanalyse zusammenhing: schlechterer allgemeiner Gesundheitszustand, Hürden für die Abwesenheit wie strenge Regeln und unsicherer Arbeitsplatz, hohe Anforderungen und Stress, wenig Unterstützung, negative Erfahrungen wie Diskriminierung und positive Einstellungen wie Zufriedenheit und Engagement. Hinweis: Es sind Zusammenhänge, keine Ursachen.

Verwandte Begriffe

Quellen

Stand der Angaben: Oktober 2026

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