Selbstbestimmungstheorie

Auch: Self-Determination Theory, SDT, Selbstbestimmungstheorie der Motivation, Theorie der psychologischen Grundbedürfnisse

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan erklärt Motivation über drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Sie unterscheidet autonome von kontrollierter Motivation und wird auf Führung und Arbeitsgestaltung angewandt.

Die Selbstbestimmungstheorie (englisch Self-Determination Theory, SDT) ist eine Motivationstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan. Sie fragt weniger, wie stark jemand motiviert ist, als welche Art von Motivation vorliegt: selbstbestimmt, also autonom, oder kontrolliert. Ihr Kern sind drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. In der Wirtschaftspsychologie dient sie als Rahmen für Fragen der Führung, der Arbeitsgestaltung und der Anreize.

Grundlagen: eine Theorie aus sechs Teilen

Deci, Olafsen und Ryan (2017) beschreiben die Selbstbestimmungstheorie als Makrotheorie, die aus der Forschung zu intrinsischer und extrinsischer Motivation hervorging. Sie gliedert sich in sechs Mini-Theorien (Ryan und Deci 2017):

  • Theorie der kognitiven Bewertung: wie Belohnungen und Rückmeldung intrinsische Motivation beeinflussen
  • Organismische Integrationstheorie: wie extrinsische Motivation verinnerlicht wird
  • Theorie der Kausalitätsorientierungen
  • Theorie der psychologischen Grundbedürfnisse
  • Theorie der Zielinhalte
  • Theorie der Beziehungsmotivation

Die Stufen der Verinnerlichung und den Streit um den Verdrängungseffekt von Belohnungen beschreibt der Eintrag intrinsische und extrinsische Motivation. Für die Arbeitswelt fassen Deci u. a. (2017) die Stufen zu zwei Gruppen zusammen. Autonome Motivation umfasst die intrinsische Motivation und vollständig verinnerlichte extrinsische Motivation, kontrollierte Motivation die von außen oder von innen gesteuerten Formen der extrinsischen Motivation.

Die drei Grundbedürfnisse lassen sich so umschreiben: Autonomie ist das Erleben von Wahl und Freiheit, also das Gefühl, aus eigenen Interessen und Werten zu handeln. Kompetenz meint das Erleben, etwas zu beherrschen, Ziele zu erreichen und Herausforderungen zu bewältigen. Soziale Eingebundenheit meint bedeutsame Beziehungen und Verbundenheit mit anderen (Slemp u. a. 2018).

Die Selbstbestimmungstheorie in der Arbeitswelt

Nach Gagné und Deci (2005) ließ sich die einfache Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation schwer auf Arbeit übertragen. Die Unterscheidung der extrinsischen Motivation nach dem Grad der Autonomie führte zur Selbstbestimmungstheorie, die Gagné und Deci als Theorie der Arbeitsmotivation beschreiben. Deci u. a. (2017) setzen sie unter anderem mit transformationaler Führung, Tätigkeitsmerkmalen, Gerechtigkeit und Vergütung in Beziehung.

Eine Metaanalyse von Van den Broeck u. a. (2016) über 99 Studien mit 119 Stichproben prüfte, ob jedes der drei Bedürfnisse für sich eigene Ergebnisse vorhersagt, wie die Theorie verlangt. Die Autorinnen und Autoren mahnen zur Vorsicht bei Messinstrumenten und Methoden und sehen offene Fragen bei der Frustration von Bedürfnissen und bei kulturellen Unterschieden.

Für die Führung ist die Autonomieunterstützung untersucht: Führungskräfte nehmen die Sicht der Beschäftigten ernst, geben Wahlmöglichkeiten und Begründungen, kommunizieren informierend statt kontrollierend und verzichten darauf, mit Belohnung oder Sanktion Druck zu machen. Eine Metaanalyse von Slemp u. a. (2018) über 72 Studien mit zusammen 32.870 Personen fand, dass wahrgenommene Autonomieunterstützung mit autonomer Motivation zusammenhing (ρ = 0,38), mit kontrollierter Motivation dagegen nicht (ρ = 0,00). Die meisten Studien waren Querschnittsstudien; die Werte beschreiben Zusammenhänge, keine nachgewiesene Wirkung. Zwischen Stichproben aus individualistisch und kollektivistisch geprägten Ländern unterschieden sich die Zusammenhänge nicht.

Autonom oder kontrolliertAutonom oder kontrolliertZwei Arten von Motivation, ein FührungsstilautonomkontrolliertFormenintrinsisch,identifiziertintrojiziert, externalErlebenWahl undFreiwilligkeitDruck von innenoder außenBezug zur Führungρ = 0,38 (k = 31)ρ = 0,00 (k = 16)LesehilfeKorrelationen, meist QuerschnittFührung:Autonomieunterstützung
Abb.: Autonome und kontrollierte Motivation nach der Selbstbestimmungstheorie und ihr Zusammenhang mit autonomieunterstützender Führung. Quelle: Deci u. a. 2017; Slemp u. a. 2018, Stand Oktober 2026.

Vergleich in zwei Spalten. Autonome Motivation umfasst intrinsische Motivation und identifizierte Regulation und wird als Wahl und Freiwilligkeit erlebt; sie hängt mit wahrgenommener Autonomieunterstützung durch Führungskräfte zusammen, Rho 0,38 über 31 Studien. Kontrollierte Motivation umfasst introjizierte und externale Regulation und wird als Druck von innen oder außen erlebt; mit Autonomieunterstützung hängt sie nicht zusammen, Rho 0,00 über 16 Studien. Hinweis: Korrelationen, meist aus Querschnittsstudien.

Selbstbestimmungstheorie im Studium der Wirtschaftspsychologie

Das Wort Motivation steht bei 15 von 95 erfassten Anbietern laut Recherche, Stand Oktober 2026, in Studiengangsnamen, Schwerpunkten oder Modullisten; Führung taucht dort bei 55 von 95 auf. Die Theorie ist Stoff der Motivationspsychologie und der Führungsforschung. Typische Aufgaben:

  • autonome und kontrollierte Motivation an Fällen aus dem Arbeitsalltag unterscheiden
  • Führungsverhalten danach beurteilen, ob es Autonomie unterstützt oder Druck aufbaut
  • die Theorie mit der Bedürfnispyramide und der Zwei-Faktoren-Theorie vergleichen
  • Bezüge zur transformationalen Führung herstellen
  • Korrelationen aus Metaanalysen richtig lesen: Zusammenhang ist nicht Wirkung

Verwandte Begriffe

Quellen

Stand der Angaben: Oktober 2026

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