ESMT-Studie: Wie Gruppen unethisches Verhalten normalisieren

Meldung · Quelle: ESMT Berlin, 08.10.2026

Wie Belegschaften gemeinsam in Fehlverhalten geraten, beschreibt eine Studie, die die European School of Management and Technology (ESMT Berlin) am 8. Oktober 2026 vorgestellt hat. Die Arbeit „The Emergence of Collective Moral Disengagement“ ist im Journal of Business Ethics erschienen. Verfasst hat sie Ulf Schäfer von der ESMT gemeinsam mit Forschern der SDA Bocconi School of Management in Mailand und der University of Houston.

Die Untersuchung ist theoretisch angelegt. Sie verbindet die Theorie der moralischen Distanzierung mit Ansätzen der Mehrebenenforschung und der Forschung zu komplexen adaptiven Systemen. Daraus leiten die Autoren einen Prozess in drei Phasen ab: Fragwürdige Praktiken werden in Gruppen über gemeinsame Rechtfertigungen und gegenseitige Bestätigung nach und nach akzeptiert, bevor gravierendes Fehlverhalten sichtbar wird. Frühere Arbeiten hatten vor allem Einzelpersonen oder nachträgliche Rechtfertigungen betrachtet. Zur Veranschaulichung ziehen die Forscher mehrere bekannte Unternehmensskandale aus verschiedenen Branchen heran. Quantitative Daten enthält die Mitteilung nicht.

Als Bedingungen, die Organisationen anfällig machen, nennt die Studie einflussreiche Beschäftigte, die zweifelhaftes Handeln legitimieren, interne Erzählungen, die Fehlverhalten rechtfertigen, und einen ausgeprägten Gruppenzusammenhalt, der Widerspruch erschwert. Die Autoren richten den Blick deshalb auf Signale der Führungsebene, interne Diskussionen und Anreizsysteme, über die Beschäftigte ethische Grenzen gemeinsam auslegen.

Für Wirtschaftspsychologie und Organisationsforschung rückt die Arbeit Gruppenprozesse statt einzelner Fehltritte in den Mittelpunkt. Für Compliance, Führungskräfteentwicklung und die Analyse von Organisationskultur beschreibt sie Abläufe, die einem öffentlich bekannten Fehlverhalten vorausgehen können.

Originalmitteilung: ESMT Berlin, 08.10.2026: Mitteilung lesen (abgerufen 2026-10-22)